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95 Millimeter Regen, und der Boden bleibt trocken

An einem Flensburger Teststandort wurde der Boden sechs Wochen lang trockener, obwohl an der Wetterstation 95 Millimeter Regen fielen. Ein ganzer Sommer mit neun Bodensensoren zeigt, wie wenig die Regenmeldung über den Wurzelraum verrät.

Cedrik Hoffmann

Lead Developer & Projektleitung

8 Minuten Lesezeit

Ein Mitarbeiter des TBZ in Warnweste bewässert mit einem Schlauch einen Jungbaum, das Wasser geht als Strahl auf den Erdhügel am Stamm

Am Unteren Lautrupweg in Fruerlund steht ein Sorbus, gepflanzt 2024. Vom 5. Juni bis zum 19. Juli wurde der Boden an seinen Wurzeln jeden Tag ein Stück trockener. In denselben sechs Wochen meldete die nächstgelegene Wetterstation 95,4 Millimeter Regen.

Die ersten Sensoren sind Ende Mai in den Boden gekommen. Seither haben neun Standorte im Flensburger Stadtgebiet 19.441 Messungen geliefert, vom 29. Mai bis zum 14. September. Der Sorbus ist einer davon.

Gemeldeter Regen und angekommenes Wasser

Der Boden am Unteren Lautrupweg ist schwach schluffiger Sand. Am 5. Juni liegt die Bodenfeuchte in 40 Zentimetern Tiefe bei 17,5 Volumenprozent. Von da an fällt sie, Tag für Tag, bis zum 19. Juli auf 8,1 Prozent. Von den 95,4 Millimetern an der DWD-Station Glücksburg-Meierwik fielen 29 an einem einzigen Tag, dem 27. Juni. In 40 Zentimetern Tiefe ist davon nichts zu sehen. Die Kurve macht an diesem Tag keinen Knick.

Oben der Verlauf der Bodenfeuchte in 40 cm Tiefe an drei Flensburger Stadtbäumen von Juni bis September, unten die Tagesniederschläge der DWD-Station als Balken. Die Kurve am Unteren Lautrupweg fällt bis Mitte Juli durchgehend, obwohl im selben Zeitraum mehrere Regentage verzeichnet sind.Oben der Verlauf der Bodenfeuchte in 40 cm Tiefe an drei Flensburger Stadtbäumen von Juni bis September, unten die Tagesniederschläge der DWD-Station als Balken. Die Kurve am Unteren Lautrupweg fällt bis Mitte Juli durchgehend, obwohl im selben Zeitraum mehrere Regentage verzeichnet sind.

Regen fällt über die ganze Fläche, nicht auf einen Punkt. Was an einer Messstelle ankommt, gilt deshalb näherungsweise auch für den Boden ringsum. Damit lassen sich Wettermeldung und Bodenwert direkt gegenüberstellen. Gemeldet sind 95 Millimeter, messbar in Wurzeltiefe ist nichts.

Sommerregen fällt auf einen ausgetrockneten, teils versiegelten Stadtboden und verteilt sich oberflächlich. Die Baumkrone fängt einen Teil ab, der von dort direkt verdunstet und den Boden nie erreicht. Vom Rest verdunstet weiteres, bevor er in die Tiefe gelangt. Aus der gemeldeten Regenmenge lässt sich deshalb nicht ableiten, wie viel Wasser im Wurzelraum ankommt.

Inzwischen zeigt der Sorbus Grün. Seit dem 20. August sind an der Station rund 110 Millimeter gefallen, verteilt auf viele Tage statt auf einzelne Starkregen. In 40 Zentimetern liegt er seither stabil zwischen 19 und 20 Prozent.

Wenige Kilometer entfernt, unter derselben Wetterlage, steht ein zweiter Sorbus in der Parsevalstraße. Dort bleibt die Feuchte den ganzen Sommer zwischen 18,6 und 22,6 Prozent. Zwischen beiden Bäumen liegen bei gleicher Wettermeldung mehr als zehn Prozentpunkte.

Sechs Standorte, dieselbe Wetterlage

Ein einzelner Standort kann ein Ausrutscher sein. Wir haben deshalb alle Standorte mit durchgehender Messreihe gegen die Regenereignisse des Sommers gestellt, sechs an der Zahl, verteilt über das Stadtgebiet und über fünf Bodenarten.

Sechs untereinander liegende Diagramme, je eines pro Standort, mit dem Verlauf der Bodenfeuchte in 40 cm Tiefe von Juni bis September. Darüber die Tagesniederschläge als Balken. Senkrechte blaue Bänder markieren die Regenereignisse. Bei den Ereignissen im Juni und Juli bleiben alle sechs Kurven flach, beim langen Regen Ende August und Anfang September steigen alle an. Eine gestrichelte Linie markiert den 14. Juli, an dem die Kurve am Sophienhof durch Bewässerung springt und die am Unteren Lautrupweg unverändert weiter fällt.Sechs untereinander liegende Diagramme, je eines pro Standort, mit dem Verlauf der Bodenfeuchte in 40 cm Tiefe von Juni bis September. Darüber die Tagesniederschläge als Balken. Senkrechte blaue Bänder markieren die Regenereignisse. Bei den Ereignissen im Juni und Juli bleiben alle sechs Kurven flach, beim langen Regen Ende August und Anfang September steigen alle an. Eine gestrichelte Linie markiert den 14. Juli, an dem die Kurve am Sophienhof durch Bewässerung springt und die am Unteren Lautrupweg unverändert weiter fällt.

Am 27. und 28. Juni fielen 31 Millimeter, davon 29 an einem Tag. An keinem der sechs Standorte lässt sich das in 40 Zentimetern Tiefe nachweisen, die Ausschläge liegen zwischen −0,6 und +0,4 Prozentpunkten und damit im Rauschen. Beim Ereignis am 6. und 7. Juli mit 10 Millimetern gilt dasselbe, nirgends mehr als ein halber Prozentpunkt.

Am 19. und 20. August fielen 19 Millimeter. Diesmal gehen die Reaktionen weit auseinander. Am Unteren Lautrupweg steigt die Feuchte um 8,0 Prozentpunkte, am ZOB Süderhofenden um 7,6, in der Parsevalstraße um 1,5, in der Batteriestraße und am Sophienhof um 0,6, im Lautrupsbachtal gar nicht. Bei gleicher Wetterlage und gleichen 19 Millimetern reicht die Wirkung in 40 Zentimetern Tiefe von acht Prozentpunkten bis null. Der Cercis in der Klaus-Groth-Straße käme sogar auf 12,7 Prozentpunkte, er sendet allerdings zu unregelmäßig für diesen Vergleich und steht deshalb weder in der Grafik noch in der Ereignistabelle.

Zwischen dem 28. August und dem 5. September fielen 73 Millimeter, verteilt auf neun Tage. Dort steigen alle sechs Standorte, zwischen 1,8 und 7,8 Prozentpunkten. Was unten ankommt, hängt demnach weniger an der gemeldeten Menge als an ihrer Verteilung über die Zeit. Ein Starkregen auf ausgetrockneten Boden läuft oberflächlich ab, während derselbe Betrag über eine Woche verteilt in die Tiefe gelangt. Die geringere Verdunstung im Spätsommer dürfte dazu beitragen, belegen können wir diesen Anteil mit unseren Daten aber nicht.

Wenn die Bewässerung im Boden ankommt

Vom 8. bis zum 16. Juli hat die Wetterstation an keinem Tag einen Millimeter gemeldet, das ist die längste Trockenphase des Sommers. Am 14. Juli steigt die Bodenfeuchte an zwei Standorten trotzdem deutlich. Am Sophienhof klettert sie in 40 Zentimetern von 8,2 auf 16,4 Prozent, in 80 Zentimetern von 18,9 auf 21,3. Am ZOB Süderhofenden sind es 4,3 Prozentpunkte in 40 und 7,3 in 80 Zentimetern.

An genau diesem Tag hat das TBZ am Sophienhof und am ZOB Süderhofenden gegossen. Damit ist ein Gießeinsatz mit Datum, Standort und Tiefe in den Daten belegt. Wir wissen jetzt, wie eine Bewässerung in der Kurve aussieht. Die Bodenfeuchte springt innerhalb eines Tages in beiden Tiefen nach oben, während der Regenmesser auf null steht.

Am 20., 22. und 30. Juli taucht dasselbe Muster wieder auf, jeweils an einem oder zwei Standorten. Welcher Einsatz dahintersteckt, lässt sich bisher nur über ein Fahrtenbuch zuordnen. Ob Wasser angekommen ist, steht schon heute in der Kurve. Künftig wird das TBZ seine Gießfahrten über Green Ecolution verwalten. Dann liegen Einsatz und Messwert nebeneinander.

Wasser, das gezielt auf die Baumscheibe geht, erreicht die Tiefe. Flächig verteilter Regen auf trockenem Stadtboden erreicht sie oft nicht.

Oben trocken, unten feucht

Jeder Sensor misst in zwei Tiefen, 40 und 80 Zentimeter. An der Eiche am Sophienhof liegen die beiden Werte den ganzen Sommer weit auseinander.

Bodenfeuchte an der Eiche am Sophienhof in 40 und 80 cm Tiefe von Juni bis September. Die Kurve für 80 cm bleibt konstant bei etwa 20 Prozent, die für 40 cm schwankt darunter zwischen 7 und 16 Prozent.Bodenfeuchte an der Eiche am Sophienhof in 40 und 80 cm Tiefe von Juni bis September. Die Kurve für 80 cm bleibt konstant bei etwa 20 Prozent, die für 40 cm schwankt darunter zwischen 7 und 16 Prozent.

In 40 Zentimetern fällt der Standort auf 7,1 Prozent und bleibt über Wochen im einstelligen Bereich. In 80 Zentimetern liegt er gleichzeitig konstant zwischen 19 und 22 Prozent. Eine Messung allein in 40 Zentimetern hätte diesen Baum den ganzen Sommer als trocken ausgewiesen und Gießfahrten ausgelöst, obwohl in 80 Zentimetern durchgehend Wasser verfügbar war.

Neun Standorte, drei verschiedene Sommer

Was ein Stadtbaum braucht, steht nicht im Wetterbericht. Das gilt in beide Richtungen. Ein Regentag heißt nicht, dass unten Wasser ankommt. Ein trockener heißt nicht, dass keines da ist. 31 Millimeter an zwei Tagen haben an keinem der sechs Standorte etwas bewegt. Die 19 Millimeter im August haben einen Standort um acht Prozentpunkte gehoben und den nächsten gar nicht.

Unter derselben Wetterlage war ein Standort den ganzen Sommer gut versorgt. Ein zweiter war oben trocken und unten feucht. Ein dritter war sechs Wochen lang auf dem Weg nach unten. Ein Gießplan, der ohne Messung entsteht, hätte diese drei gleich behandelt.

Für Aussagen über mehrere Jahre reicht ein Sommer nicht, also messen wir weiter.

Zur Datengrundlage

Die Messwerte stammen aus der Green-Ecolution-Datenbank, Stand 14. September 2026. Die Sensoren erfassen Bodenfeuchte und Bodentemperatur in 40 und 80 Zentimetern Tiefe sowie die Batteriespannung und senden über LoRaWAN. Alle Feuchtewerte sind volumetrisch in Prozent angegeben. Wo im Text von Tageswerten die Rede ist, sind Tagesmittel gemeint, was die Kurven gegenüber den Einzelmessungen glättet. Fehlerwerte der Sonde haben wir ausgeschlossen.

An diesen Teststandorten sitzt der Sensor etwa 80 Zentimeter neben dem Stamm. Die Bäume standen bereits, ein Bohrloch direkt am Wurzelballen hätte die Wurzeln eines Jungbaums beschädigt. Für flächige Ereignisse wie Regen ist diese Stelle repräsentativ. Eine Gießfahrt am Stamm erreicht sie dagegen nicht zwangsläufig, weshalb einzelne Einsätze in den Messwerten fehlen können. Bei Neupflanzungen kommt der Sensor direkt an die Wurzeln.

Die Niederschlagsdaten sind offene Tageswerte des Deutschen Wetterdienstes von der Station Glücksburg-Meierwik, Kennung 01666, rund neun Kilometer östlich der Teststandorte. Das ist die nächstgelegene aktive Niederschlagsstation. Die Reihe steht im Climate Data Center des DWD zum Abruf, die Tagessumme in der Spalte RS. An drei Tagen unseres Vergleichszeitraums hat die Station keinen Wert geliefert, am 9., 16. und 19. Juni. Die 95,4 Millimeter sind deshalb eine Untergrenze. Sommerliche Schauer fallen lokal sehr unterschiedlich aus, weshalb einzelne Tagesmengen an einem Baum in Flensburg von der Station abweichen können. Für die Aussage über sechs Wochen fällt das nicht ins Gewicht, für die Zuordnung einzelner Tage schon.

Der Sprung des 80-Zentimeter-Werts am Unteren Lautrupweg von 20 auf über 40 Prozent am 20. und 21. August ist auffällig hoch. Das kann echte Aufsättigung sein, es kann aber auch daran liegen, dass Wasser im verfüllten Bohrloch schneller nach unten läuft als im gewachsenen Boden ringsum. Solche Randeffekte gebohrter Einbauten sind bekannt. Wir prüfen das, bevor wir aus diesem Wert etwas ableiten.

StandortBaumartBoden40 cm (Vol.-%)80 cm (Vol.-%)
Am SophienhofQuercusSu27,1 bis 16,418,9 bis 22,4
Unterer LautrupwegSorbusSu38,1 bis 21,319,9 bis 42,1
Klaus-Groth-StraßeCercisSu39,1 bis 21,89,6 bis 21,7
BatteriestraßeSorbusnicht erfasst9,3 bis 17,812,3 bis 33,4
LautrupsbachtalAlnus glutinosaSl210,2 bis 14,110,0 bis 13,1
ZOB SüderhofendenRobiniaSl311,8 bis 27,312,3 bis 29,3
RingstraßeQuercusSl214,6 bis 19,714,4 bis 21,1
PetrischuleCarpinusSl315,1 bis 17,917,7 bis 19,1
ParsevalstraßeSorbus x thuringiacaSu418,6 bis 22,618,8 bis 23,5

Spannweite der Tagesmittel je Standort und Tiefe über den gesamten Messzeitraum. Die Bodenkürzel folgen der bodenkundlichen Kartieranleitung. Su2 bis Su4 sind schluffige Sande, Sl2 und Sl3 lehmige Sande. Die Standorte in der Ringstraße und an der Petrischule sind erst Ende August dazugekommen, ihre Spannweiten umfassen deshalb nur knapp drei Wochen.

Standort

27./28.06.31 mm in 2 Tagen

06./07.07.10 mm in 2 Tagen

19./20.08.19 mm in 2 Tagen

28.08.–05.09.73 mm in 9 Tagen

Am Sophienhof−0,2+0,5+0,6+1,8
Unterer Lautrupweg−0,3−0,1+8,0+6,0
Batteriestraße+0,40,0+0,6+7,8
Lautrupsbachtal−0,1+0,4−0,1+3,8
ZOB Süderhofenden−0,6−0,1+7,6+4,0
Parsevalstraße+0,2+0,2+1,5+3,2

Reaktion der Bodenfeuchte in 40 Zentimetern Tiefe auf vier Regenereignisse, in Prozentpunkten. Gerechnet als höchstes Tagesmittel zwischen dem Beginn des Ereignisses und zwei Tagen nach seinem Ende, abzüglich des letzten Tagesmittels davor. Als Ereignis gilt eine Folge von Tagen mit mindestens einem Millimeter und in der Summe mindestens acht Millimetern. Werte unter einem halben Prozentpunkt liegen in der Größenordnung der Tagesschwankung und sind nicht von null zu unterscheiden.